Großmütter und Großväter gegen Faschismus

Die Viktoriaschule – Erinnerungen von Bergit Forchhammer

Juni 14, 2007 · 1 Kommentar

Die Viktoriaschule

 

Erinnerungen von
Bergit Forchhammer, geb. Braach
(85 Jahre, lebt heute in Kopenhagen)

(dieser Text als PDF-Datei:
Die Viktoriaschule – Erinnerungen von Bergit Forchhammer)

1933 zogen wir nach Frankfurt, in die ehemalige Königstraße, nur ein paar Minuten Spaziergang entfernt von der Viktoriaschule, in der mich meine Eltern anmeldeten. Die Schule wurde damals auch ‘Judenschule’ genannt, aber das war eigentlich nicht abwertend gemeint. Sie lag im Westend der Stadt, wo erfolgreiche und reiche Ärzte, Rechtsanwälte und Bankiers wohnten. Ein Mädchen meiner Klasse, keine Jüdin, deren Vater einen Bäckerladen in Bockenheim hatte (weshalb ich sie sehr beneidete), erzählte mir, dass ihre Eltern sie in die Viktoriaschule schickten, damit sie von den jüdischen Mädchen gute Manieren lernen sollte.

Unsere Quarta bestand damals aus etwa 40 Schülerinnen, von denen über die Hälfte jüdische oder halbjüdische Mädchen waren. (Das Wort ‘halb-arisch’, das wir damals so oft zu hören bekamen, mag ich nicht. Ich will lieber ‘halb-jüdisch’ sein als ‘halb-arisch’). Von diesen 24 Mädchen waren ein Jahr später nur noch vier in der Klasse: Margot Martin, Sigrid Klein, Erika Basel und ich. Die jüdischen Mädchen waren entweder ausgewandert oder in andere Schulen, hauptsächlich ins Philantropin, übergewechselt.

Mein Hauptproblem war, dass man in der Viktoriaschule das Hauptgewicht auf Französisch legte, während ich in Hildburghausen nur Latein gelernt hatte. Also musste ich beinahe drei Jahre Französisch-Unterricht nachholen, um folgen zu können. Jeden Nachmittag erhielt ich Nachhilfe- Unterricht von einer sehr netten, pensionierten jüdischen Lehrerin, deren Name ich leider vergessen habe. Sie hat den Holocaust nicht überlebt. Dank ihrer Hilfe – und auch mit Hilfe der in meiner vorigen Schule eingepaukten lateinischen Grammatik und einem guten Sprachgefühl – gelang es mir tatsächlich, innerhalb von drei Monaten das Pensum nachzuholen. Abgesehen davon kann man nicht sagen, dass ich eine fleißige oder aufmerksame Schülerin gewesen bin. Unser Klassenlehrer, Dr. Rudolf Klarmann, sagte einmal zu meiner Mutter: „Die Bergit träumt und schaut zum Fenster raus. Aber wenn man sie etwas fragt, weiß sie es doch.“ Ich konnte mich so gerade über Wasser halten, jedenfalls auf sprachlichem Gebiet.

Dagegen war Turnen für mich eine Tortur. Die Lehrerin, Gertrud Abée, war eine stramme Nazionalsozialistin, die uns Nichtarierinnen mit Extraübungen, Quälereien und schlechten Noten bestrafte. Ich hasste sie von ganzem Herzen und drückte mich sooft ich konnte. Menstruationsschmerzen konnte ich mir leider nur einmal im Monat erlauben – sie hatte mich bereits beim Mogeln entdeckt. Aber öfters war mir gerade vor den Turnstunden schon zu Hause schlecht, ich weinte, und meine Mutter hatte ein Einsehen und erlaubte mir, die Schule zu schwänzen. Später, nach dem Krieg, hatte gerade diese Hitler-Anbeterin die Frechheit, Frau Dr. Gretel Hoff, eine aus der Emigration nach Frankfurt zurückgekehrte ehemalige Kollegin, um einen ‘Persilschein’ zu bitten, d.h. sich von ihr bescheinigen zu lassen, dass sie keine Nazionalsozialistin gewesen sei.

Unser geliebter Klassenlehrer Dr. Klarmann war bestimmt kein Nazi. Er war fair und behandelte uns alle gleich. Er hatte Humor und sah gut aus. Letzteres war wichtiger für uns Mädchen als Goethe und Schiller, obwohl wir auch von diesen viel mitbekamen, gerade weil wir den Lehrer liebten und ihn mit unserem Wissen imponieren wollten. Später heiratete er tatsächlich ein Mädchen aus unserer Klasse.

Nicht fair war der neue Direktor, Dr. Gerber, ein verbissener Nazi. Schon sein Aussehen – der kahle Kopf ohne ein Härchen, ohne Augenbrauen, und der starre Blick aus blauen Augen waren abschreckend. Meistens trug er eine SA-Uniform und blanke Stiefel, die seinen Schritt schon von weitem ankündigten. Ein furchtbarer Mann, der den Lehrern den Auftrag gegeben haben soll, dass sie jedes jüdische Mädchen einmal am Tag zum Weinen bringen sollten, was aber bei verschiedenen anderen Lehrern: Frau Dr. Wiederhold, Frau Dr. Bretzler, Frau Dr. Fucker u.A., beinahe das Gegenteil bewirkte. Sie waren ZU freundlich zu uns ‘Aussätzigen’. Nur Fräulein Abée hat mich zum Weinen gebracht. Den Direktor habe ich Gott sei Dank nie als Lehrer gehabt, aber ich weiß von anderen Schülerinnen, die nicht im BDM waren – nur etwa 20 insgesamt – wie sehr auch sie später, als die jüdischen Schülerinnen nicht mehr da waren, unter ihm gelitten haben.

Immer wieder spürte ich die Ausgrenzung, die mein Status als ‘nicht-arisch’ mit sich brachte: Während die anderen Unterricht in ‘Rassenkunde’ erhielten, musste ich draußen auf einer Bank sitzen und warten, bis die Stunde vorüber war. Ich erinnere mich, wie peinlich es war, wenn andere Schüler oder Lehrer vorbeigingen, mich anguckten oder sogar fragten, warum ich da säße. Was sollte ich da antworten?

Der Zwischenfall, der schließlich meine Schullaufbahn für immer beendete, ereignete sich im Frühjahr 1937, als ich in der Untersekunda war. Ich hatte schon viele Jahre lang Klavierstunden gehabt und war eine gute Pianistin, vielleicht die beste in der Schule. Auf alle Fälle war vorgesehen, dass ich bei einem Schulkonzert eine Sängerin begleiten sollte. Wir hatten fleißig geübt und uns auf das Konzert gefreut. Die Generalprobe war gut verlaufen, als ich im letzten Augenblick den Bescheid bekam, ich dürfe nicht auftreten! Und zwar nicht, weil ich möglicherweise künstlerisch versagen könnte, sondern wegen meiner Abstammung.

Da hatten auch meine Eltern die Nase voll und meldeten mich aus der Schule ab. Ich weinte keine Träne, als ich der Viktoriaschule ‘auf-Nimmerwiedersehen’ sagte.

Kategorien: Erinnerungen · Faschismus · Frankfurt · Nazizeit · Text

1 Antwort bis hierher ↓

  • hans christoph stoodt // Juni 22, 2007 um 8:09

    Die auf dieser Seite von Bergit Forchhammer berichteten Erfahrungen zur Frankfurter Viktoriaschule erlauben einen Hinweis:
    die damalige Viktoriaschule heißt heute Bettinaschule Frankfurt und liegt noch immer im Westend.

    LehrerInen und SchülerInnen haben eine schöne Gedenkstätte für die ehemaligen jüdischen SchülerInnen der Viktoriaschule eingerichtet.

    Dazu gibt es eine eigene sehr schön gestaltete Homepage: http://www.gedenkstaette-bettinaschule.de

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